Das UNESCO-Erbe der Lausitz als Kompass für ihre Zukunft

Henkel-Marktforschungsexperte Werner Hoffmann-Wiebe über UNESCO 5, Strukturwandel und die Kraft gemeinsamer Zukunftserzählungen

Vier Wochen lang tauschte Werner Hoffmann-Wiebe seinen Arbeitsplatz in Düsseldorf gegen die Lausitz. Im Rahmen des Henkel-Programms „Volunteers at Heart“ begleitete er die Arbeit von UNESCO 5 – Erbe der Lausitz aus der Perspektive eines Markt- und Kommunikationsexperten. Zwischen UNESCO-Stätten, sorbischer Kultur, Workshops, Exkursionen und Strategierunden erhielt er einen tiefen Einblick in die Region und das Projekt. Im Gespräch berichtet er über seine Eindrücke, die Bedeutung des UNESCO-Erbes für den Strukturwandel und darüber, warum die Lausitz für ihn weit mehr als eine bislang unbekannte Region geworden ist.

Das Gespräch mit Werner Hoffmann-Wiebe

Herr Hoffmann-Wiebe, was machen Sie bei Henkel?

Ich arbeite als Marktforscher im Unternehmensbereich Henkel Consumer Brands. Zu meinen Aufgaben gehört die Beratung globaler Marketingteams bei strategischen Marken- und Produktentscheidungen. Dabei beschäftige ich mich unter anderem mit internationalen Märkten und Zielgruppen sowie mit gesellschaftlichen Entwicklungen und Trends, die Einfluss auf das Konsumverhalten haben.

Was ist das Programm „Volunteers at Heart“

„Volunteers at Heart“ ist ein Programm, mit dem Henkel gesellschaftliches Engagement fördert. Mitarbeitende haben die Möglichkeit, ihre beruflichen Kompetenzen für gemeinnützige Organisationen einzusetzen und gleichzeitig neue Perspektiven zu gewinnen. So entsteht ein Austausch, von dem sowohl die Partnerorganisationen als auch die Teilnehmenden profitieren.

Warum fiel Ihre Wahl auf die Lausitz?

Die Lausitz war für mich zunächst eine weitgehend unbekannte Region – genau das hat meine Neugier geweckt. Beim genaueren Hinsehen zeigte sich jedoch schnell, was diese Region so besonders macht: die einzigartige Verbindung von UNESCO-Stätten, Natur, Kultur, Industriegeschichte und sorbischem Erbe auf engem Raum. Mit dem grenzüberschreitenden UNESCO-Welterbe Muskauer Park und dem UNESCO-Geopark Muskauer Faltenbogen besitzt die Lausitz zudem eine internationale und transnationale Ausstrahlung.

Was hat Sie besonders beeindruckt?

Beeindruckt haben mich vor allem die außergewöhnliche Vielfalt der Region und die Menschen, die sie mit großem Engagement gestalten. In den verschiedenen Gesprächen mit Akteuren aus Wissenschaft, Kultur, Bildung, Tourismus, Verwaltung und Wirtschaft wurde rasch deutlich, dass Biosphärenreservate, Geopark, Welterbe und sorbisches Kulturerbe eng miteinander verbunden sind. Gerade dieses Zusammenspiel verleiht der Lausitz ihr unverwechselbares Profil und ihre besondere Stärke.

Wie würden Sie UNESCO 5 – Erbe der Lausitz nach vier Wochen beschreiben?

UNESCO 5 ist weit mehr als ein Netzwerkprojekt. Es vernetzt nicht nur Partner, sondern schafft gemeinsame Perspektiven und konkrete Formen der Zusammenarbeit. Das Projekt entwickelt verbindende Narrative, fördert den Austausch und bringt Akteure zusammen, die sonst häufig in ihren jeweiligen Handlungsfeldern agieren. Aus meiner Sicht ist UNESCO 5 zugleich strategischer und operativer Impulsgeber. Die eigentliche Leistung besteht darin, dass aus unterschiedlichen Themen, Interessen und Institutionen ein gemeinsamer Entwicklungsprozess für die Lausitz entsteht. Gerade dieses Zusammenwirken macht die Initiative so wertvoll.

Wo konnten Sie diese Wirkung konkret erleben?

Während der vier Wochen waren wir in der gesamten Lausitz unterwegs. Ich konnte alle Lausitzer UNESCO-Stätten kennenlernen, zahlreiche Orte besuchen und vielfältige Einblicke in die Natur, Kultur und Geschichte der Region gewinnen. So wurde für mich unmittelbar erfahrbar, wie vielfältig die Lausitz ist und wie eng ihre verschiedenen Themenfelder miteinander verbunden sind.
Besonders deutlich zeigte sich dies in den unterschiedlichen Arbeitsformaten – von Workshops zum sorbischen Erbe über die Entwicklung von Radwegen und Lernpfaden bis hin zu gemeinsamen Narrativprozessen und der Vernetzung von Akteuren aus Kultur und Strukturwandel.
Dabei habe ich UNESCO 5 – Erbe der Lausitz als einen aktiven Gestalter dieser Verbindungen erlebt. Das Projekt organisiert nicht nur Veranstaltungen oder entwickelt Bildungsformate. Es vernetzt Menschen und Institutionen, schafft Kooperationen, qualifiziert Partner, bringt Themen in fachliche und politische Diskurse ein und macht die Potenziale der Lausitz sichtbar. Genau darin liegt aus meiner Sicht sein besonderer Mehrwert.

Was zeichnet aus Ihrer Sicht die Arbeitsweise von UNESCO 5 besonders aus?

Die Arbeit ist ausgesprochen komplex, da sich das Projekt an der Schnittstelle von Natur- und Kulturerbe, Bildung, Tourismus, Wissenschaft, Verwaltung, Kultur, Wirtschaft und Politik bewegt. Diese Bereiche folgen jeweils eigenen Strukturen, fachlichen Logiken und Interessen. Umso wichtiger ist die Übersetzungs- und Vermittlungsarbeit, die UNESCO 5 zwischen ihnen leistet.
Entscheidend ist dabei die Verbindung von strategischer Ausrichtung und operativer Umsetzung. Die Projektleitung behält die gemeinsamen Ziele im Blick und sorgt gleichzeitig dafür, dass aus Ideen konkrete Vorhaben werden. Sie versteht sich als Impulsgeberin und koordinierende Kraft, moderiert Prozesse, fördert kreative Ansätze und begleitet Entwicklungen mit langem Atem.
Besonders prägend ist das vertrauensvolle Zusammenspiel von Projektleitung, Team und Partnern. Informationen werden transparent geteilt, unterschiedliche Perspektiven ernst genommen und Herausforderungen offen angesprochen. Diese partnerschaftliche Arbeitsweise schafft Orientierung und eröffnet allen Beteiligten die Möglichkeit, ihre Kompetenzen einzubringen.
Dabei stehen die einzelnen Aktivitäten nicht isoliert nebeneinander. Aus einem Workshop kann ein Bildungsangebot entstehen, aus einem Gespräch eine langfristige Kooperation und aus einer ersten Idee ein gemeinsames Format für die gesamte Region. Genau darin liegt aus meiner Sicht eine besondere Stärke von UNESCO 5: Das Projekt bringt unterschiedliche Perspektiven zusammen, macht Zusammenhänge sichtbar und entwickelt daraus Ansätze, die über einzelne Orte, Institutionen und Fachgrenzen hinauswirken.

UNESCO 5 ist ein Strukturwandelprojekt. Was bedeutet Strukturwandel für Sie?

Strukturwandel wird häufig auf Industrie, Infrastruktur und Arbeitsplätze reduziert. Doch erfolgreicher Strukturwandel erschöpft sich nicht in wirtschaftlichen und baulichen Veränderungen. Eine Region braucht ebenso Identität, Zusammenhalt und Zukunftsperspektiven. Menschen müssen sich mit der Entwicklung ihrer Region verbunden fühlen und erleben, dass sie daran mitwirken können.
Kultur, Bildung und Erbe sind deshalb keine Nebenthemen, sondern zentrale Bausteine eines nachhaltigen Strukturwandels. Das UNESCO-Erbe und die sorbische Kultur sind nicht nur Ausdruck der Vergangenheit, sondern wichtige Ressourcen für die Zukunft der Lausitz.

Wo sehen Sie Entwicklungspotenzial?

Das Projekt trägt wesentlich zur Vernetzung, zur Bildungsarbeit, zur Stärkung regionaler Identität und zur Wahrnehmung der Lausitz bei. Geeignete Indikatoren könnten helfen, diese Wirkung noch besser zu erfassen und zu vermitteln.
Darüber hinaus sollte UNESCO 5 noch deutlicher als Brücke zwischen Kulturerbe, Zivilgesellschaft und Strukturwandel wahrgenommen werden. Der eigentliche Mehrwert des Projekts liegt nicht in einzelnen Aktivitäten, sondern darin, Menschen, Themen und Institutionen dauerhaft miteinander zu verbinden. Gerade aus diesen Beziehungen entstehen Impulse, die weit über einzelne Maßnahmen hinausreichen.

Welche Impulse nehmen Sie aus der Arbeit von UNESCO 5 für Ihren beruflichen Kontext bei Henkel mit?

Unternehmen und Regionen können viel voneinander lernen. Henkel feiert in diesem Jahr sein 150-jähriges Firmenjubiläum und rückt dabei verschiedene Epochen der Unternehmensgeschichte in den Fokus. Die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte stärkt nicht nur die Identität des Unternehmens, sondern liefert auch Orientierung für die Zukunft.
Ähnliches habe ich in der Lausitz erlebt. Die Region blickt auf eine lange und bewegte Geschichte zurück, aus der sich gemeinsame Zukunftsbilder entwickeln lassen. Solche Narrative können helfen, Menschen mitzunehmen und sie aktiv an Veränderungsprozessen zu beteiligen.
UNESCO 5 zeigt eindrucksvoll, dass nachhaltige Wirkung nicht allein durch Strukturen, Programme oder Budgets entsteht. Ebenso wichtig sind engagierte Menschen, vertrauensvolle Zusammenarbeit, offene Kommunikation und ein gemeinsames Zielverständnis. Darin liegt eine Erkenntnis, die weit über die Lausitz hinaus relevant ist.

„Krasse Lausitz. Krasse Gegend“, so lautet der brandenburgische Strukturwandelslogan. Was bedeutet dieser für Sie?

„Krass“ bedeutet für mich in diesem Zusammenhang überraschend und beeindruckend zugleich. Die Lausitz vereint auf engem Raum außergewöhnliche Natur, bedeutendes Kultur- und Naturerbe, eine bewegte Geschichte und Menschen, die sich mit großem Engagement für ihre Region einsetzen.
Die Lausitz wird oft unterschätzt. Mein Eindruck nach vier Wochen vor Ort ist: Man muss die Region erleben, um ihr Potenzial zu verstehen. Wer mit Offenheit kommt, entdeckt eine vielfältige Kulturlandschaft und eine Region, die den Wandel aktiv gestaltet.

Welche Aufgabe hatten Sie während Ihres Einsatzes?

Meine Aufgabe bestand darin, UNESCO 5 – Erbe der Lausitz mit dem Blick eines externen Markt- und Kommunikationsexperten zu betrachten. Dabei habe ich untersucht, wie das Projekt wahrgenommen wird, welche Wirkung es entfaltet und was die Vielzahl an Partnern, Themen und Aktivitäten miteinander verbindet.
Aus diesen Gesprächen und Beobachtungen verdichtete sich für mich ein Gedanke, der den Kern von UNESCO 5 beschreibt: „Wir machen das UNESCO-Erbe der Lausitz zum Kompass für ihre Zukunft.“ Dieser Leitgedanke verdeutlicht, dass das Projekt nicht nur kulturelles und natürliches Erbe bewahrt, sondern daraus Orientierung, Identität und Zukunftsperspektiven für die Region entwickelt.

Was nehmen Sie persönlich aus Ihrem Einsatz mit?

Vor allem nehme ich viele Begegnungen, beeindruckende Orte und besondere kulturelle Erlebnisse mit. Die sorbische Kultur hat mich besonders bewegt und immer wieder zum Mitmachen eingeladen. In Erinnerung bleiben mir außerdem ein engagiertes und professionelles Team sowie zahlreiche Akteure, die mit großer Leidenschaft an der Zukunft ihrer Region arbeiten.
Vier Wochen sind viel zu kurz, um die Lausitz wirklich zu erfassen. Ich habe in dieser Zeit viel gesehen, gelernt und erlebt – zugleich aber gespürt, wie viele Facetten dieser Region noch darauf warten, entdeckt zu werden.
Die Lausitz kann stolz auf ihr Erbe, ihre kulturelle Vielfalt und die Menschen sein, die sich für ihre Zukunft einsetzen. Ich habe eine Region kennengelernt, die den Wandel mit Zuversicht gestaltet und über große Entwicklungspotenziale verfügt. UNESCO 5 trägt dazu bei, indem es Menschen, Themen und Orte miteinander verbindet und das gemeinsame UNESCO-Erbe zum Kompass für die Zukunft der Lausitz macht.

Die vier Wochen waren für mich kein Abschluss, sondern eher ein Anfang. Viele Eindrücke werden mich noch lange begleiten – und ich bin sicher, dass mich mein Weg noch einmal in die Lausitz führen wird.

Mehr über Werner Hoffmann-Wiebes Zeit in der Lausitz:

Im Rahmen des Volunteer-Einsatzes ist ein Interview-Clip mit Werner Hoffmann-Wiebe entstanden. Darin gibt der Henkel-Marktforschungsexperte persönliche Einblicke in seine vier Wochen in der Lausitz und beschreibt seine Eindrücke von UNESCO 5 - Erbe der Lausitz, den UNESCO-Stätten, dem sorbischen Kulturerbe und der Bedeutung von Kultur und Identität für den Strukturwandel. Der Beitrag kann auf Wunsch zur Verfügung gestellt werden und Auszüge für Social-Media-Formate und im Rahmen der weiteren Kommunikation genutzt werden.

>>zum Video-Interview

Hintergrund: UNESCO 5 - Erbe der Lausitz 

Das Strukturwandel-Projekt „UNESCO 5 - Erbe der Lausitz“ verbindet seit 2023 die Lausitzer UNESCO-Stätten und das immaterielle Kulturerbe der Sorben/Wenden. Ziel ist es, das gemeinsame Natur- und Kulturerbe sichtbar zu machen, Bildungsangebote zu entwickeln, Netzwerke zu stärken und neue Impulse für den Strukturwandel zu setzen.

Das Projekt wird aus dem UNESCO-Biosphärenreservat Spreewald heraus für die gesamte Lausitz koordiniert. Damit übernimmt eine UNESCO-Stätte Verantwortung für die Vernetzung und gemeinsame Entwicklung des UNESCO- und Kulturerbes einer gesamten Transformationsregion. Die Projektsteuerung bringt Partner aus Brandenburg, Sachsen und Polen, aus unterschiedlichen Fachbereichen sowie verschiedene Trägerstrukturen zusammen.

Im Mittelpunkt steht die Idee, das Erbe der Lausitz nicht nur zu bewahren, sondern als Zukunftsressource für die Region nutzbar zu machen. UNESCO 5 verbindet Themen wie Natur, Kultur, Bildung, regionale Identität und nachhaltige Entwicklung und schafft damit neue Perspektiven für eine Region im Wandel.

Aktuelle Projektpartner sind:

  • UNESCO-Biosphärenreservat Spreewald
  • UNESCO-Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft
  • UNESCO Global Geopark Muskauer Faltenbogen/Łuk Mużakowa
  • UNESCO-Welterbe Muskauer Park/Park Mużakowski
  • Domowina als Vertreterin des immateriellen Kulturerbes „Bräuche und Feste der Lausitzer Sorben im Jahreslauf“

Das Projekt wird seit 2023 im Rahmen des Förderprogramms STARK (Stärkung der Transformationsdynamik und Aufbruch in den Revieren und an den Kohlekraftwerkstandorten) gefördert. Das Land Brandenburg unterstützt die Umsetzung zusätzlich durch die Übernahme des erforderlichen Eigenanteils und schafft damit eine wichtige Grundlage für die Realisierung des Projektes.

Aufbauend auf den bisher geschaffenen Netzwerken, Bildungsformaten und Kommunikationsangeboten ist eine nahtlose Weiterführung des Projektes ab 2027 vorgesehen. In der geplanten zweiten Projektphase soll das Netzwerk weiter wachsen und um weitere bedeutende Kulturerbeakteure der Lausitz ergänzt werden.

Vorgesehen ist die Einbindung:

  • des UNESCO-Welterbes „Siedlungen der Herrnhuter Brüdergemeine“,
  • des immateriellen Kulturerbes „Spreewaldkahn“ in Zusammenarbeit mit dem Spreewaldverein e. V.,
  • des immateriellen Kulturerbes „Manuelle Glasfertigung“ mit dem Glasmuseum Weißwasser.

Die geplante Fortführung von UNESCO 5 soll die aufgebauten Strukturen sichern, die Zusammenarbeit der Partner weiter vertiefen und das gemeinsame Erbe der Lausitz noch stärker als Impulsgeber für Bildung, Kultur, Tourismus und Strukturwandelentwicklung nutzen.

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